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Paulus Luther

Sein Leben von ihm selbst aufgeschrieben. Ein wahrhaftiger Roman

Christoph Werner

Ein lesenswerter und informativer historischer Roman, der das Leben Paul Luthers - jüngster Sohn Martin Luthers und seines Zeichens fürstlicher Leibarzt und Alchimist - erzählt.

Die Leipziger Disputation von 1519

Die Leipziger Disputation von 1519

Prof.Dr.habil. Armin Kohnle

Lucas Cranach: Martin Luther als Augustinermönch
Lucas Cranach: Martin Luther als Augustinermönch

Die Disputation in der Hofstube der Pleißenburg im Sommer 1519 zwischen Martin Luther und Andreas Bodenstein von Karlstadt auf der einen und dem Ingolstädter Theologen Johannes Eck auf der anderen Seite war Leipzigs wichtigster Beitrag zu dem großen reformatorischen Aufbruch, an den im Jahr 2017 weltweit erinnert werden wird. In die durch Luthers 95 Thesen über die Kraft der Ablässe ausgelöste literarische Fehde mit Eck mischte Karlstadt sich mit eigenen Thesen ein. Eck forderte Karlstadt, nicht etwa Luther, heraus. Man einigte sich auf Leipzig als Disputationsort. Herzog Georg von Sachsen, der seiner Landesuniversität eine Möglichkeit der Profilierung bieten und sich selbst eine Meinung bilden wollte, setzte die Disputation gegen den Widerstand des Merseburger Bischofs und der Leipziger Theologen durch. In den seit dem Thesenanschlag vergangenen anderthalb Jahren hatte sich der Streit über die Ablassproblematik hinaus weiterentwickelt. Ging es ursprünglich um die Frage, ob und inwieweit die Kirche für Sünder einen Bußerlass bewirken könne (vorzugsweise durch Ablasszahlungen), hatte inzwischen Eck der Diskussion eine neue Richtung gegeben: Er rückte im Vorfeld der Disputation den Primatsanspruch des Papsttums ins Zentrum und griff damit wieder Luther an. Auf diese Weise herausgefordert, bemühte sich Luther, ebenfalls zur Disputation zugelassen zu werden. So wandelte sich die Disputation von einem akademischen Gelehrtenstreit über die Spezialfrage des Ablasses
zu einer grundsätzlichen und öffentlichen Auseinandersetzung über die in der Christenheit maßgeblichen Normen und Autoritäten. Nachdem die Disputation am 27. Juni 1519 mit einer Rede des Leipziger Gräzisten Petrus Mosellanus eröffnet worden war, traten zun&aumauml;chst Karlstadt und Eck gegeneinander an und stritten über die Frage des freien Willens im Rechtfertigungsprozess. Die lateinisch gehaltenen Reden und Gegenreden wurden wörtlich protokolliert. Das eigentliche Interesse galt jedoch der Auseinandersetzung Luthers mit Eck, die um die Frage kreise, ob der päpstliche Primat von Gott gesetztes oder doch nur von Menschen gemachtes Recht sei. An der Primatsfrage allein hängt die Bedeutung der Leipziger Disputation.

Johannes Eck Fotos: Evangelische Verlagsanstalt Leipzig
Johannes Eck Fotos: Evangelische Verlagsanstalt Leipzig
Ihre Basis war ein Problem des Verständnisses von Kirche: Während Eck unter Kirche die von Gott gestiftete und in ihrer hierarchischen Struktur von Gott auch so gewollte Institution Kirche verstand, sah Luther in der Kirche die Glaubens- und Liebesgemeinschaft der Christen mit dem menschgewordenen und gekreuzigten Gottessohn. Luther ging es nicht um das Papsttum als solches, sondern um die seines Erachtens anmaßende Behauptung, das Papstamt sei durch Christus selbst gestiftet und der Gehorsam dem Papst gegenüber heilsnotwendig. Die Frage, ob der päpstliche Primat aus der Bibel begründet werden kann, war das zentrale Thema der Disputation. Die Eindrücke der Disputation, die von den Universitäten Erfurt und Paris beurteilt werden sollte, aber nie wurde, waren zwiespältig. Herzog Georg, empört über Luthers Aussage, auch Konzilien könnten irren und hätten geirrt, denn nicht alle in Konstanz verurteilten Sätze des Jan Hus seien ketzerisch gewesen, wurde durch die Disputation zum Gegner Luthers. Andere wurden durch Luthers Argumente gerade überzeugt. Für die evangelische Bewegung in Sachsen bedeutete die Disputation einen Startschuss. Auf dem Weg zur Herausbildung von Luthers reformatorischer Theologie war sie eine wichtige Etappe, wurde er in Leipzig doch gezwungen, sein Verständnis des Verhältnisses von Schriftautorität, dem biblischen Gotteswort also, und kirchlicher Tradition zu präzisieren. Er wurde zum Nachdenken über die Frage gezwungen, wie die wahre Kirche zur hierarchischen Papstkirche des Spätmittelalters stand. Ihre Unvereinbarkeit wurde ihm erst nach Leipzig in vollem Umfang bewusst. So bewirkte die Leipziger Disputation vor allem eines: eine Scheidung der Geister.