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Florian Russi

Im Zeichen der Trauer
Tröstungen für Hinterbliebene

Dieses Büchlein will denjenigen helfen, die durch den Verlust eines geliebten Menschen in Trauer, Schmerz und seelische Not geraten sind. 

Adolf Bleichert und sein Werk

Adolf Bleichert und sein Werk

Dr. Manfred Hötzel

Grab Bleicherts in Gohlis  Foto: U. Drechsel
Grab Bleicherts in Gohlis Foto: U. Drechsel

Die Geschichte der Firma Bleichert begann 1874.
Am Anfang stand ein kleines Ingenieurbüro, das der junge Ingenieur Adolf Bleichert 1874 mit seinem Studienkollegen Theodor Otto in Schkeuditz bei Leipzig gründete. Neben den beiden Inhabern gab es anfangs nur 1 oder 2 Mitarbeiter und nur wenige Aufträge. 1875 z. B. für 13 Drahtbahnen oder Luftbahnen, wie man die Drahtseilbahnen zunächst nannte.
1899 war aus dem Ingenieurbüro - nach mehreren Umzügen - eine Firma geworden, die sich im Übergang zu einem Großbetrieb befand und in alle Welt lieferte. Sie hatte einige Hundert Beschäftigte und hunderte Aufträge im Jahr.
1899 wurde die 1000. Drahtseilbahn zum Transport von Kupfererz nach Thio auf Neukaledonien geliefert, einer großen Insel im Stillen Ozean nordöstlich von Australien. Neukaledonien war damals französische Kolonie, es gehört heute noch als Überseedepartement zu Frankreich. Auch Kupfererz wird dort noch abgebaut.

Dazu kommt noch: seit 1899 musste Adolf Bleichert sich allmählich von der Tagesarbeit in der Firma zurückziehen. Er war erkrankt an Tbc, der Volkskrankheit, die damals nicht heilbar war. Er hielt sich mehrmals zu längeren Kuren im Schweizer Kurort Davos auf. Er behielt sich allerdings während seiner Abwesenheit von Leipzig Grundsatzentscheidungen für die Firma vor. In Briefen aus Davos an seinen Schwager Karl Streitzig, den Direktor der Abteilung Drahtseilbahnen, lehnte er sowohl die Trennung des Betriebes in eine Abteilung Drahtseilbahnen und eine Abteilung Transportanlagen als auch den Anschluss des Gohliser Werkes an die Reichsbahn ab. Beides hatte Streitzig vorgeschlagen. Beide Projekte wurden nach dem Tode A. Bleicherts verwirklicht.

Die Kuraufenthalte waren vergeblich. Adolf Bleichert starb am 29. Juli 1901 in Davos.
Beigesetzt ist er auf dem Friedhof Gohlis. Der Grabstein ist von Johann Ferdinand Pfeifer im Büro Pfeifer & Händel entworfen worden. Die Inschriften lauten obere Tafel: "FAMILIEN / BLEICHERT / UND / PIEL" [Heinrich Piel war der Kompagnon und ein Schwager Adolf Bleicherts]. Untere Tafel: "IM GEDENKEN AN / ADOLF BLEICHERT / 1845 - 1901 / DEM ERFINDER DES DEUTSCHEN / DRAHTSEILBAHNSYSTEMS"

Zwischen 1874 und 1899 lagen 25 Jahre angestrengter Arbeit, in denen sich der Ruhm Adolf Bleicherts, sein Beitrag zur Technik- und Wirtschaftsgeschichte begründete. Wie war das möglich ? Es war möglich, weil auf ihn die Redewendung zutrifft:

Der richtige Mann mit den richtigen Ideen zur richtigen Zeit.

Büste Adolf Bleicherts von A. Lehnert 1911  Foto: privat
Büste Adolf Bleicherts von A. Lehnert 1911 Foto: privat

Der richtige Mann

Die Vorfahren Adolf Bleicherts stammen aus Mitteldeutschland und kommen aus sozial sehr verschiedenen Schichten: Rostwender am Hochofen im Mansfeldischen - höfischer Beamter bei einem mitteldeutschen Duodezfürsten.           

Für den Bildungsweg der Bleicherts war prägend, dass sie eine Aufsteigerfamilie waren. Adolfs Vater August schaffte es vom Mühlknappen, also Knecht oder Müllerburschen, den wir aus Grimms Märchen kennen, zum Mühlenpächter, also einem vermögenden Mann. Ein Mühlenpächter musste als Pachtsumme einige Tausend Gulden oder Taler aufbringen, je nach Landeswährung. August Bleichert bewegte sich meist in Preußen, bevor er 1856 die Gohliser Mühle vom Rat der Stadt Leipzig pachtete.
Adolf war der einzige Sohn neben vier Schwestern. Er studierte Maschinenbau an der Gewerbeakademie Berlin, einer Vorgängerin der heutigen Technischen Universität Berlin. Danach arbeitete er in der Mühlenbaufirma Martin in Bitterfeld  und in der Eisengießerei und Maschinenfabrik AG Halle in Schkeuditz. Sein Interesse galt aber einer technischen Neuerung, der Drahtseilbahn. Zu seinen Charaktereigenschaften gehörten Fleiß, Willensstärke und Zielstrebigkeit. In Familie und Firma trat er als Patriarch auf, kurz - er war eine Führungsperson.

Ansonsten ist über Adolf Bleichert außer einer starken christlichen Bindung als Mensch wenig bekannt, z. B. keine politische Äußerung oder Betätigung, Ursache dafür ist wohl weniger fehlendes Interesse als fehlende Zeit. Er widmete seine Kraft der Firma und der Familie.

Bleichertsche Drahtseilbahn beim Bau des Völkerschlachtdenkmals 1911. Foto Stadtgeschichtliches Museum Leipzig
Bleichertsche Drahtseilbahn beim Bau des Völkerschlachtdenkmals 1911. Foto Stadtgeschichtliches Museum Leipzig

Die richtige(n) Idee(n)

Lasten schwebend durch die Luft zu befördern war keine neue Idee. Dies war mit Hanfseilen zur Überbrückung von Tälern seit Jahrtausenden üblich.

Aber nach der Erfindung des geflochtenen Drahtseils 1834 durch Bergrat Julius Albert in Clausthal ergaben sich neue Möglichkeiten.  Welche neuen Ideen kamen von Adolf Bleichert?

- die Zweiseilbahn, die Trennung von Last- und Zugseil

In England und USA dominierte die Einseilbahn, durch Hodgson eingeführt. 

- das Drahtseil auch als Laufbahn zu nutzen. Anfangs diente als Laufbahn eine Schiene (wie bei der Eisenbahn), aus Rundstabeisen zusammengeschweißt. 

- Verteilung der Last: die Fördergefäße (Wagen) laufen nicht geschlossen (wie bei der Eisenbahn), sondern einzeln in regelmäßigen Abständen

- Verbindung der Wagen mit dem Zugseil durch eine Kupplung, die sowohl Anschluss als auch Trennung der Wagen an das bzw. vom Zugseil ermöglichte.

Zu diesem Zweck konstruierte Bleichert die Exzenter-Friktionskupplung, die 1875 patentiert wurde.

Hauptverdienst Adolf Bleicherts waren aber nicht einzelne Erfindungen, sondern:
1.die Kombination der genannten Elemente zu einem funktionierenden System  

2. die praktische Erprobung seiner Ideen auf einer Versuchsbahn in Gohlis bei Leipzig 1874, er hat vermutlich sogar mit Modellen gearbeitet

 3. die Herstellung der Seilbahnen in der eigenen Firma. Man kann das in der heutigen Diktion auch „Anwendung in der Produktion" nennen - und das mit Erfolg und Gewinn. So war die Firma Adolf Bleichert & Co. nicht nur die älteste, sondern wurde die größte Drahtseilbahnfirma.

Das unterscheidet Adolf Bleichert von anderen, die auch einen Beitrag zur Entwicklung der Drahtseilbahn geleistet haben wie z. B. Franz Fritz Freiherr von Dücker, der schon in den 1860er Jahren eine Seilbahn konstruiert und in Bad Oyenhausen vorgeführt hatte. Dückers Seilbahn war aber primitiver und sie blieb ein Einzel-Exemplar.

Deshalb kann man vom Bleichertschen oder deutschen DSB-System sprechen (als Zweiseilsystem) im Unterschied zum englischen Einseilsystem.

Der Große Brockhaus urteilte in diesem Zusammenhang 1934 im Stichwort: Seilbahn: „Der auf eine wissensch[aftliche], methodisch durchgearbeitete Grundlage gestellte Bau von Drahtseilbahnen wurde aber erst durch den deutschen Ingenieur Adolf Bleichert geschaffen, dessen Schöpfungen weltbekannt wurden."[1]


[1] Der Große Brockhaus. Handbuch des Wissens in zwanzig Bänden, 15. Auflage, Leipzig 1934, 17. Bd., S. 254

Gondel bei der Erprobung. Fotosammlung Stadtgeschichtl. Museum Leipzig
Gondel bei der Erprobung. Fotosammlung Stadtgeschichtl. Museum Leipzig

Die richtige Zeit

Das letzte Viertel des 19. Jahrhunderts, also die 25 Jahre zwischen 1875 und 1900, war  eine Aufstiegsperiode. Industrielle Verfahren drangen in viele Wirtschaftszweige ein. Die Großindustrie breitete sich aus. Es entstand die Massenproduktion. Deshalb gab es ein Transportproblem. Dessen Lösung war zunächst die Eisenbahn. Aber die Eisenbahn war  nicht anwendbar oder nicht effektiv in schwierigem Gelände oder im innerbetrieblichen Transport. Für den Transport von Massengut durch die Luft war die Drahtseilbahn die Lösung, vor allem im Bergbau, Hüttenwesen, Bauwesen, auch in der Landwirtschaft. 

Transportiert wurden Rohstoffe, Eisenteile, Erze, Koks, Abraum, Ton, Kali, Zuckerrüben. 
Die DSB trat ihren Siegeszug als Lastenseilbahn an. Ihren Höhepunkt erlebte sie im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. 
In dieser Zeit wird die Nutzung der Seilbahn auch auf andere Weise nochmals erweitert.

In der richtigen Erkenntnis -  wenn man Materialien durch die Luft transportieren kann, kann man bei entsprechender Sicherheit auch Menschen transportieren - wird  die Drahtseilbahn zur Personenbahn oder Personen-Seilschwebebahn.
Zugleich wird im Laufe des 20. Jahrhunderts die Lastenseilbahn von Auto, Flugzeug, Hubschrauber und anderen Transportmitteln abgelöst. Sie ist heute Geschichte.
Es gibt vermutlich nur noch wenige Lastenseilbahnen in Betrieb.

Adolf Bleichert verkörperte die für das 19. Jahrhundert typische Einheit von  Ingenieur/ Erfinder und Unternehmer/Kaufmann. Er stand neben anderen Unternehmern, die heute noch bekannt sind wie z. B. Alfred Krupp, Werner Siemens, Rudolf Diesel, Ernst Abbé, Carl Zeiß, um nur einige zu nennen. 
In Abwehr von Angriffen des Konstrukteurs Theodor Obach (Wien), der selbst Drahtseilbahnen konstruierte, schrieb Adolf Bleichert in einem Brief vom 4. Mai 1877:

„ Tatsache ist denn auch, dass weder Herr Obach der geistige Urheber dieses Transportsystems ist, wie er sagt: ‚jedes einzelne Detail selbst aus eigenen Innern erfunden hat,' noch dass ich mich jemals als solchen hinzustellen gesucht habe. Vielmehr besteht das Verdienst, das ich glaube für meine Person beanspruchen zu dürfen, lediglich darin,  dieses System auf Grund mehrjähriger Versuche und Erfahrungen in allen einzelnen Teilen zu einer derartigen Vervollkommnung ausgebildet zu haben, dass dasselbe eine wirkliche,
p r a k t i s c h e Bedeutung erlangt hat." [1]

Wenn die Bedeutung Adolf Bleicherts vor allem von einigen Konkurrenten bezweifelt wurde, neben Obach z. B. auch von Julius Pohlig, so dürfte aus historischer Perspektive seine Leistung um so klarer hervortreten. Hier gilt ein Spruch Friedrich Rückerts:

                        „Ob Du von mir dies hast, ob ich von Dir - wer weiß ? 
                          Wer besser, nicht wer eh'r es machte, trägt den Preis !"

Allerdings, mit dem Verschwinden der Drahtseilbahn als Lastenbahn und dem schnellen Fortgang der technischen Entwicklung im 20. Jahrhundert beginnt der Name Bleichert zu verblassen. Er ist, im Unterschied zu den genannten Unternehmern, aus dem öffentlichen Bewusstsein fast verschwunden und nur noch Spezialisten und Historikern bekannt. Auch im  neuesten Brockhaus, anderen Lexika und Technikgeschichten ist er nicht mehr vertreten.
Das ist bedauerlich. Auch mit diesem Artikel soll etwas gegen das Vergessen getan werden.


[1] Zitiert nach Wettich, Hans: Zur geschichtlichen Entwicklung der Drahtseilschwebebahnen, Wittenberg 1914, S. 14  (Hervorhebung im Original. M. H.)

Wichtige Literatur zur Firmengeschichte (Auswahl)

Dieterich, Gustav: Die Erfindung der Drahtseilbahnen. Eine Studie aus der Entwicklungsgeschichte des Ingenieurwesens, Leipzig: H. Zieger 1908

Wolf, Heinz: Der Erfinder Adolf Bleichert (1845-1901), in: Motor im Schnee. Internationale Zeitschrift für Berg- und Wintertechnik und bergtouristisches Management, 22. Jg., Iffezheim, Dez. 1991,Historische Ausgabe:Beiträge zur Geschichte der Seilbahnen und Wintertechnik, S.42-43, Abb.

Wolf, Heinz: Der Firmenchef Adolf Bleichert (1845-1901), in: Ebenda, 23. Jg., 1992, Nr. 9, Historische Ausgabe, S. 49-51, Abb.

Wolf, Heinz: Adolf Bleichert's Vermächtnis - Die Firma unter seinen Söhnen. Von den Material- zu den Personenbahnen, in: Ebenda, 24. Jg., 1993, Nr. 9, Historische Ausgabe, S. 22-28, Abb.

Wolf, Heinz: „Wenn Begeisterung ein Heer zum Siege führt..." Einblicke in ein vertrauliches Führungshandbuch von 1914, in: Ebenda, 26. Jg., Sept.1995, Historische Ausgabe, S. 36-38

Hötzel, Manfred / Krieg, Stefan W. (Hg.): Adolf Bleichert und sein Werk. Unternehmerbiografie - Industriearchitektur - Firmengeschichte, Sax-Verlag Beucha 2002, Dieses Buch liegt in 3. korrigierter Auflage 2012 vor.

Krieg, Stefan W. (Hg.): Max und Paul von Bleichert. Unternehmer und ihre Villen, Sax-Verlag Beucha 2004

Werner, Oliver: Bleichert/VTA 1932 bis 1963. Betriebsführung im Nationalsozialismus, in der Sowjetischen Besatzungszone und in der DDR, Stuttgart 2004

Findeisen, Manfred: Die Außenmontage des VEB Verlade- und Transportanlagen Leipzig (VTA). Geschichte und Bedeutung, Eigenverlag Bürgerverein Gohlis e. V., Leipzig 2009