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Sesenheimer Liebeslyrik

Florian Russi

Während seines Studiums in Straßburg lernte Johann Wolfgang von Goethe die Sesenheimer Pfarrerstochter Friederike Brion kennen. Die beiden verliebten sich ineinander und Goethe wurde durch Friederike zu wundervollen Gedichten angeregt.

Einige von ihnen (Heideröslein, Mailied, Willkommen und Abschied u. a.) zählen zu seinen besten und beliebtesten überhaupt. In diesem Heft sind sie vorgestellt und mit Bildern und Erläuterungen angereichert.

Doktor Faust reitet zu Leipzig auf einem Fasse

Doktor Faust reitet zu Leipzig auf einem Fasse

Diese alte populäre Sage ist erstmalig 1589 niedergeschrieben und veröffentlicht worden unter dem Titel „Historia von D. Johann Fausten" vom Frankfurter Verleger Johann Spies. Johann Wolfgang von Goethe, der in Leipzig von 1766-1768 studierte, kannte die Sage und er kannte den „Auerbachs Keller" in Leipzig, in dem er häufiger Gast war. Den Weinausschank gab es dort seit 1438 und er avancierte zum beliebtesten Weinlokal.

Goethe hat ihm in Faust I, Szene Auerbachs Keller, ein Denkmal gesetzt. Jedoch widmete er dem Ritt auf dem Fasse nur einen Satz. Heute gehört der Keller zu den ältesten und bekanntesten Gaststätten in der Welt.

Die alte Sage ist neu erzählt von Ursula Brekle.

 

Teufelspakt zwischen Faust und Mephisto
Teufelspakt zwischen Faust und Mephisto

Im Jahre 1525 ist der weit gereiste Zauberer und Magier Doktor Joh. Faust nach Leipzig gekommen. Es war in der Zeit der Ostermesse.
In Leipzig gibt es einen Durchgangshof, der Auerbachs Hof genannt wird und sehr berühmt ist. In dem Haus sind viele hohe Gewölbe, Kammern und Säle zu finden.
Die Plätze sind immer voll besetzt mit romanischen, niederländischen, polnischen und ungarischen Handelsleuten und mit Nürnbergern aus der fränkischen Handelstadt. Es werden herrliche Güter und viele Waren angeboten, so dass ein besonders attraktiver Markt entstanden ist.
Der Doktor spazierte umher, schön aufgemacht in einem pelzverbrämten Mantel und mit wehenden Federn am Hut. An seiner Seite ging sein dienstbarer Geist, Mephistopheles genannt. Dieser hat wie ein edler Junker ausgesehen, in einem roten, mit Gold verbrämten Anzug, ein Mäntelchen, das ihm über die Schulter hing, war aus steifer Seide, eine rote Hahnenfeder nickte vom Hut, und an einer Seite hing ein langer spitzer Degen. Wer die beiden sah, war sehr verwundert und reagierte erschrocken. Der Rote zeigte einen hinkenden Gang. Viele Menschen, die ihn gesehen, wollten einen üblen Geruch nach Schwefel und stinkendem Pech wahrgenommen haben.

Bild von Volker Polenz im Keller: Mephistopheles mit dem Gesicht des Immobilienspekulanten Jürgen Schneider
Bild von Volker Polenz im Keller: Mephistopheles mit dem Gesicht des Immobilienspekulanten Jürgen Schneider

Doktor Faustus aber und der Junker haben nur ein wenig spöttisch geblickt, wenn die Menschen sie anstarrten und scheu auf die Seite gingen. Das Gedränge ist groß gewesen.
Der Hof hat voll Kisten und Kasten, voll Fässer und Ballen und Bündel gestanden. Der Doktor drängte sich nur langsam hindurch. Im Auerbachs Hof  ist auch ein Weinausschank, ganz unten im Keller, deshalb heißt er Auerbachs Keller. Wenn dort kein Licht angezündet ist, ist es sehr finster im Gewölbe.  Wenn aber Lichter blitzen und Becher klingen, kann man lustig feiern. Wer Geld und Lust hat, kann trinken, was sein Herz begehrt und seinem Gaumen schmeckt. Da gibt es Wein von den Kanaren, süßen Neckarwein, Wein, den man Steinwein nennt, Rheinwein und vierzig Jahre alten Wein  aus Meißen, nicht sehr sauer, Ungarnwein und Wein aus der Champagne, der Alte mit neuem Blute verjüngt. Gesang und Lachen, klingende Becher und das Spiel der Flöten und Geigen drangen aus dem Keller. Diese Laute machten Doktor Faustus neugierig und lockten ihn an. Er winkte dem Teufel, ihm zu folgen.

Verzauberte Studenten am Eingang von Auerbachs Keller  Bronze: Mathieu Molitor Foto: W. Brekle
Verzauberte Studenten am Eingang von Auerbachs Keller Bronze: Mathieu Molitor Foto: W. Brekle

Sie mussten sich unter einer kleinen Pforte bücken und stiegen fünf oder sechs Stufen hinab in einen weiten Raum mit einem Gewölbe. Da saß eine fröhliche Gesellschaft zusammen: Musiker, Studenten aus Meißen, aus dem Reich, aus Ungarn oder Böhmen und Polen. Sie musizierten, spielten, schmausten und waren guter Dinge.
Zwei große Fässer Wein, jedes fasste ungefähr sechzehn oder achtzehn Eimer, lagen an der Wand. Der Wirt  lief hin und her, um die leeren Römer und Gläser der Zecher zu füllen. Faustus und Mephistopheles traten mit freundlichen Gebärden und ganz höflich ein, verneigten sich und baten darum, sich mit an die Tafel setzen zu dürfen. Da beide ganz redlich erschienen, ließ man es gern zu.
Es entstand eine rege Diskussion, und der Doktor und der im roten Gewande gaben den Gästen am Tisch oft Antworten  und brachten Sprüche auf ihre Gesundheit aus. Das Lachen und Singen wollte kein Ende nehmen, denn der Wein und Gesang und die Narretei sind drei lustige Kameraden. Dem Faustus gefielen die Burschen am Tisch sehr, und er fing an, von seinen weiten Fahrten zu erzählen, die er durch Frankreich, Italien, durch Ungarn und Böhmen unternommen hat.  Weiter erzählte er, wie er durch die Luft nach Neapel hinunter und zur Stadt Venedig herauf, zu den Heiden in die Türkei, und hundert Meilen nach Kairo in Ägypten geflogen sei. Die Burschen waren über diese Rede sehr verwundert und dachten, er wäre der leibhaftige Böse. Mephistopheles freute sich diebisch über ihre Minen und beschloss, sie zu foppen.
Er befahl, dass ihm ein Bohrer, wie ihn die Weinhändler brauchten, gebracht wird.
Dann bohrte er den Tisch an und verstopfte die Löcher mit Pfropfen aus Wachs, was ihm gereicht wurde. Er sagte, der vom Wirt vorgesetzte Wein stamme aus keinen guten Reben, er wolle besseren fließen lassen, jedem wie er es wünscht. Die Leute hielten es für einen Scherz oder für einen Taschenspielertrick, wie in der Messezeit windiges Volk seine Spielertricks treibt, den Zuschauern das Lachen ins Gesicht und das Geld aus der Tasche lockt. Dennoch hielten die Burschen die Becher unter den Tisch und zogen die Pfropfen. Auf Geheiß des höllischen Meisters floss Tokaier und roter Burgunder und Malvasier. Jeder Mann wunderte sich sehr und hätte hoch und heilig schwören können, das hätte er in seinem Leben noch nicht gesehen und geschmeckt.

Heute im Auerbachs Keller zu sehen: Das Fass, geritten von Faust  Foto: W. Brekle
Heute im Auerbachs Keller zu sehen: Das Fass, geritten von Faust Foto: W. Brekle

Einer hatte ziemlich viel getrunken und vergoss aus Versehen einen oder etliche Tropfen Wein aus seinem Becher auf die Erde. Da schlug eine schreckliche feurige Flamme auf.
Der gute Geselle  und seine Kumpanen waren entsetzt. Der, dem dies passiert war, griff nach seinem Degen, um diesen Schimpf zu rächen.  Seine Kumpanen bedeuteten ihm, stille zu sitzen und den Zorn zu verschlucken, denn man wusste nun, mit wem man am Tisch sitzt und dass es übel ausgehen würde, wenn man gegen den Teufel mit dem Degen zum Kampf antritt.
Nun kamen einige Schröter, damals eine Berufsbezeichnung, in Leipzig wurden sie Weißkittel genannt. Die Schröter hatten die Aufgabe, Wein im Fass von  Keller zu Keller oder zu den Wagen zu „schroten". Diesmal wollten sie ein volles Fass aus dem Keller schroten, schafften aber nicht, es herauszubringen, wie sehr sie es auch versuchten und stemmten und stemmten. Das sah Doktor Faustus und sprach: „Wie stellt ihr euch so täppisch an, dabei seid ihr viele. Es könnte doch einer alleine das Fass herausbringen, wenn er es geschickt anstellen würde." Die Schröter empörten sich über diese Rede und warfen ihm grobe Worte an den Kopf,  wie dieses Gesindel es eben tut, auch weil sie ihn nicht kannten. Als der Weinherr hörte, warum man zankte, sprach er zu Fausto und seinen Gesellen: „Wer von euch das Fass allein herausbringt, dem will ich's schenken." Heimlich hoffte er aber, sie würden schimpfend abziehen. Faustus war nicht faul, setzte sich auf das Fass wie auf ein Pferd, das er schnell aus dem Keller reitet, worüber jeder mehr entsetzt war als je zuvor. Mephistopheles aber hatte sich flugs in ein schwarzes Hündchen verwandelt, lief  dem Fasse voraus. Noch ehe die Ordnungshüter des Rates der Stadt herbei eilten, weil nämlich das Reiten, wie jeder wusste, in der Grimmaischen Gasse verboten war, waren die beiden verschwunden. Man hat sie in Leipzig weder gesehen noch etwas von ihnen gehört.