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Der Bettnässer

Russi thematisiert in seinem neuen, einfühlsamen Roman die gesellschaftlichen und psychischen Probleme eines Jungen, dessen Leben von Unsicherheit und Angst geprägt ist.

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Hermann Liebmann - Leipziger Sozialist und Demokrat

Hermann Liebmann - Leipziger Sozialist und Demokrat

Rolf Streicher

                                             Zum  75. Todestag
Foto: Privat Peter Scheffel, Dresden
Foto: Privat Peter Scheffel, Dresden

Im Februar 1933 waren die Mitglieder der Arbeiterparteien durch Hitlers plötzliche Reichskanzerlerschaft tief verunsichert. Trotzdem gelang es in Leipzig 25.000 Protestierende zu mobilisieren, die für die Sicherung der demokratischen Freiheiten der Weimarer Verfassung eintraten. Hermann Liebmann, der auf dieser Kundgebung letztmalig öffentlich auftrat, ermahnte die Teilnehmer angesichts der hohen Polizeipräsenz Ruhe und Ordnung zu wahren, um keine Vorwand für ein Eingreifen zu liefern. Zu offensichtlich waren schon die Zeichen der beginnenden Diktatur, die sich wenige Tage später mit dem Ermächtigungsgesetz den Weg zur offenen Verfolgung Andersdenkender „öffnete". Bemerkenswert war in dieser Situation, dass noch bei den Reichstagswahlen am 5. März 1933 die im Wahlkreis Leipzig von Liebmann geführte SPD 30,3 % der Stimmen erreichte und damit abermals das beste Wahlergebnis für die SPD in Deutschland errang.

Hermann Liebmanns Schicksal war typisch für viele Parteiarbeiter der Arbeiterparteien jener Zeit. Am 18. August 1882 in Paunsdorf geboren, trat er 1905 in die SPD ein. Die Leipziger Sozialdemokraten waren maßgeblich geprägt durch das Wirken Franz Mehrings, der von 1902 bis 1913 als Chefredakteur und Redakteur der „Leipziger Volkszeitung" die revolutionären Intentionen von Marx und Engels vertrat. Liebmann arbeitet von 1913 bis 1933 als Redakteur der LVZ. 1917 gehörte er zu der sozialdemokratischen Mehrheit in Leipzig, die aus Protest mit der Burgfriedenspolitik der Mehrheits-SPD zur USPD wechselte. Am 8. November 1918 wird er Mitglied des engeren Ausschusses des Leipziger Arbeiter- und Soldatenrats. Bis 1923 agiert er als Stadtverordneter in Leipzig.
Liebmann war zwischen 1919 und 1933 Abgeordneter des Sächsischen Landtages, zeitweise Fraktionsvorsitzender der SPD. Bei der Wiedervereinigung von SPD und USPD 1922 wird er einer der populärsten Vertreter des linken Flügels der SPD in Leipzig und Sachsen. Er übernimmt den Vorsitz des LeipzigerUnterbezirkes der SPD bis 1933, einer traditionellen Hochburg der SPD in Deutschland. Unter den Bedingungen der bismarckschen Sozialistengesetzes war die politische Arbeit der Sozialdemokratie durch Bildungsvereine, Arbeitersportvereine, Naturfreundegruppen, Gesangsvereine u.a. getarnt weitergeführt worden. Diese Vereinsarbeit war erhalten geblieben und der SPD gelang es auch in den zwanziger Jahren dadurch ein parteipolitisches Netzwerk zu knüpfen, dass Betriebsbelegschaften, Familien, ja ganze Wohnviertel an sie band. Dabei reagierte man flexibel auf Veränderungen. Als beispielsweise mit der Verbreitung des Tonfilmes die Leipziger Theater und Konzerthäuser über schwindente Besucherzahlen klagten, kaufte die SPD für ihre Mitglieder und deren Familien komplette Veranstaltungen, die natürlich stets bestens besucht waren. Im altehrwürdigen Gewandhaus sollen bei solchen Anlässen in den Wandelgängen die Teppichbeläge eingerollt worden sein, weil das neue Publikum gewohnheitsgemäß sein Pausenbrot mitbrachte.
Auf diese Art gelang es, dass in Liebmanns Parteiunterbezirk von 1920 bis 1933 die SPD die dominierende Arbeiterpartei war und letztendlich 1933 die einzige bedeutende Partei, die nicht die Beseitigung der Weimarer Republik zum Ziel hatte.
Über Leipzigs Grenzen hinaus wurde Liebmann als Innenminister und stellvertretender Ministerpräsident in der Regierung Zeigner bekannt. Im Frühjahr 1923 hatte der Leipziger Jurist Erich Zeigner auf der Grundlage eines Tolerierungsabkommens mit der KPD die sozialdemokratische Regierung in Sachsen sichern können. Liebmann hatte maßgeblich an den Vereinbarungen mitgearbeitet. Hauptpunkte waren die Schaffung von Preisprüfstellen gegen Wucher, Amnestie für Not-und Abtreibungsdelikte, die Schaffung von Arbeiterkammern und die Bildung gemeinsamer Abwehrorganisationen gegen drohenden Faschismus. Insbesondere durch diese „Proletarischen Hundertschaften" versuchte die KPD-Führung bewaffnete Kräfte für eine „deutschen Oktober" zu mobilisieren. Als es deshalb in Leipzig zu Unruhen kam, die gewaltsam unterdrückt wurden, initiierte Liebmann in der LVZ eine Klarstellung des sozialdemokratischen Standpunktes, dass nur unbewaffnete Hundertschaften zum Schutz der Republik unterstützt werden. 1923 war das schwierigste Jahr der Weimarer Republik. Als Zeigner im Oktober 1923 zwei Kommunisten als Minister in sein Kabinett aufnahm und den KPD-Führer Brandler zum Leiter der Staatskanzlei ernennt sieht sich Reichskanzler Stresemann gezwungen zu intervenieren. Er fordert den Rücktritt der Regierung, die das ablehnt, aber Zeigner ist bereit die Kommunistischen Minister zu entlassen, da es zwischenzeitlich gelungen war, Brandler auf einer Betriebsrätekonferenz in Chemnitz von der Aussichtslosigkeit eines bewaffneten Aufstandes zu überzeugen. Trotzdem setzte Stresemann am 29. Oktober 1929 Reichswehreinheiten ein, die mit klingendem Spiel und vorgehaltenen Waffen die sächsische Regierung absetzte - Reichsexekution.
Grab Hermann Liebmanns  Foto: R.Streicher
Grab Hermann Liebmanns Foto: R.Streicher

Bereits im April 1933 wurde Liebmann verhaftet und zunächst in „Dresdner Schutzhaft" und danach in das Konzentrationslager Hohnstein gebracht. Es waren gewiss nur wenige Leipziger, die im September 1935 den  Artikel „Hermann Liebmann tot" auf Seite 1 des sozialdemokratischen Wochenblattes „Neuer Vorwärts" lesen konnten:
„...Im Konzentrationslager, wo er auf direkte Veranlassung des Reichsstatthalters Mutschmann, der in ihm den gefürchteten Gegner aus den Reihen der sozialistischen Arbeiterschaft sah, systematisch zugrunde gerichtet wurde, hat er sich dieses Leiden (Herzleiden, d.Verf.) erst zugezogen. Als er nach mehr als zweijähriger Haft im Mai 1935 entlassen wurde, war er ein gebrochener Mann..." Die Zeitung, im böhmischen Karlsbad gedruckt und herausgegeben, war illegal nach Westsachsen gelangt. Selbst  die Leser setzten sich der Gefahr aus das Schicksal von Hermann Liebmann zu teilen.
Das KZ Hohnstein war eine der brutalsten Folterstätten von 1933 bis 1934. Am 20 Mai 1933 besuchte Gauleiter Mutschmann mit anderen NSDAP-Führern Hohnstein. Er ließ Liebmann zu einem Demütigungsritual vorführen. Er musste seine Landtagsreden unter Schlägen und Misshandlungen vortragen. Zu seinem Genossen Zeigner sagte er kurz vor seinem Tod, „dass Mutschmann derjenige sei, der für seine physische Vernichtung [...] vollständig verantwortlich sei". Man habe ihn unter anderem  "auf Anweisung Mutschmanns in eine Kloake gestellt [...], während Bewachungsmannschaften des Lagers ihre menschlichen Bedürfnisse verrichtet hätten, so dass er über und über mit menschlichem Kot besudelt gewesen sei. Die Zustände in Hohnstein waren so gravierend, dass im Mai 1935 (!) das Landgericht in Dresden den Lagerleiter und 24 Angehörige der Wachmannschaft wegen „gemeinschaftlicher Körperverletzung im Amt"  zu bis 6-jährigen Haftstrafen verurteilte. Das Gericht begründete seine Entscheidung damit, dass die Angeklagten aus „roher Lust am Quälen und Schlagen" gehandelt hatten.
Mutschmann hatte versucht im Vorfeld das Verfahren zu verhindern, konnte sich aber nicht durchsetzen. Die beisitzenden Schöffen wurden anschließend auf seine Weisung hin innerhalb der NSDAP gemaßregelt. Bei Hitler erwirkte er schließlich die Begnadigung der Verurteilten.
Hermann Liebmann gelangte 1934 in das Konzentrationslager Colditz und wurde im Mai 1935 zum Sterben entlassen. Er starb am 6. September 1935 im Alter von 53 Jahren an den Folgen der Misshandlungen.  Auf dem Friedhof Leipzig - Sellerhausen ist er bestattet.

Seit 1946 trägt eine Straße in Leipzig-Volkmarsdorf seinen Namen und seit Juni 2002 eine Brücke. Seit 30. Januar 2009 ehrt die SPD-Fraktion des Sächsischen Landtages Hermann Liebmann und fünf weitere SPD-Abgeordnete in einer Bildergalerie.