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Der Bronstein-Defekt

und andere Geschichten 

Christoph Werner

"Ich stellte bald an mir selbst die Verführung durch Zählen und Auswerten fest und empfand die Wonne, Gesetzmäßigkeiten bei gewissen Massenerscheinungen festzustellen. Nichts war vor mir sicher. Als erstes machte ich mich über die Friedhöfe her..."

Der Neue Johannisfriedhof zu Leipzig

Der Neue Johannisfriedhof zu Leipzig

Alfred E. Otto Paul

Grabmal der Verlegerfamilie Köhlerl . Foto: Archiv A.E.O. Paul; Repro: Christoph Sandig
Grabmal der Verlegerfamilie Köhlerl . Foto: Archiv A.E.O. Paul; Repro: Christoph Sandig

Im Jahre 1839 hat Leipzig bereits über 50.000 Einwohner und die Unmöglichkeit einer flächenmäßigen Erweiterung des seit 1278 bestehenden Johannisfriedhofes als auch seine völlige Überbelegung zwingen den Leipziger Rat, das Projekt der Anlegung eines zweiten Begräbnisplatzes auf den Weg zu bringen. Zu dieser Zeit waren auf dem Johannisfriedhof bereist 262.000 Tote begraben.
Eine eigens hierfür gebildete Deputation ausgewählter Ratsmänner präferiert zunächst die Pfaffendorfer Felder als das geeignete Areal - jedoch schwierige Verhandlungen mit den Besitzern der zahlreichen zu erwerbenden Grundstücke und spekulative Preistreiberei der Eigentümer bewegen den Rat dann bereits 1840 zur veränderten Standortwahl auf den Johannisfeldern in der Nähe des Johannisfriedhofes.
Seit Jahrhunderten hatte das auf dem Areal des Johannisfriedhofes befindliche Johannishospital von den hier Gestorbenen recht üppige Vermächtnisse erhalten und durch Arrondierung dieser Landschenkungen entstanden die ausgedehnten Johannisfelder.

Der geplante Friedhof soll einen parkartigen Charakter erhalten und ausgedehnte schriftliche Korrespondenzen des Rates mit bereits entstandenen derartigen Parkfriedhöfen in England liefern schließlich das Vorbild.
Dennoch gehen die Arbeiten an diesem zweiten Begräbnisplatz sehr schleppend voran - 1844 pflanzt der Ratsgärtner Kühn in der I. Abteilung 70 Linden und es werden Lehmmauern für die geplanten zahlreichen Erbbegräbnisse errichtet.
In gleichem Jahre erwerben die Mehrzahl der Stadtverordneten hier gegen Aufgabe ihrer überwiegend jahrhundertealten Begräbnisorte in der I. Abteilung des Johannisfriedhofes im Tausch die Konzession für ein Erbbegräbnis auf diesem zweiten Friedhof.

Als am 05. August 1846 der Totengräber des Johannisfriedhofes, August Heym, den Rat bittet, diesen Friedhof nun endlich zu eröffnen, da er nur noch 4 verfügbare Gräber hat, sind die errichteten Friedhofsmauern noch immer unverputzt und auch die angelegten Wege müssen noch mit Ufersand belegt werden.

Grabmal des Maschinenfabrikanten Karl Krause (1823-1902) von Prof. A. Lehnert. Foto: Archiv A.E.O.Paul; Repro: Christoph Sandig
Grabmal des Maschinenfabrikanten Karl Krause (1823-1902) von Prof. A. Lehnert. Foto: Archiv A.E.O.Paul; Repro: Christoph Sandig

Schließlich eröffnet man am 28. September 1846 gezwungenermaßen einen im Grunde genommen ungeliebten Begräbnisplatz und beerdigt am 01. Oktober 1846 hier als erste Leiche den 50-jährigen, beim Brand des Hotel de Pologne umgekommenen Maurer Hans Gehlicke.

Lange Zeit ist dieser zweite Friedhof, der einige Jahre später dann der Neue Friedhof genannt wird, ein reiner Entlastungsfriedhof - während man vormittags auf dem Johannisfriedhof begräbt, wird täglich ab 12 Uhr hier begraben.Anfangs bestehen auf diesem zweiten Friedhof keinerlei Gebäude oder Unterstellmöglichkeiten zum Schutz vor schlechtem Wetter und immer wieder kommt es zu massiven Protesten der Superintendenten, weil bei Wind und Wetter die Geistlichen und die Sängerknaben der Thomaner das Begräbnis begleiten müssen und Krankheit oft die Folge ist.
Schließlich wird der Ratsbaumeister Albert Geutebrück mit entsprechenden Planungen für Baulichkeiten im Eingangsbereich beauftragt - Geutebrücks solide Planungen im klassizistischen Stil werden aus Kostengründen vom Rat abgelehnt und eine neuerliche Planung Geutebrücks in äußerst bescheidener Architektur findet im Jahre 1848 ihre Umsetzung. Rechts und links vom Eingang errichtet Geutebrück jeweils ein Haus für den Aufseher des Friedhofes sowie ein Haus mit mehreren Räumen für die Leicheneinstellung, die Leichenpräsentation sowie ein Raum für die Leichenüberwachung bei Verdacht auf Scheintot. Ein einfaches eisernes Tor verschließt den Eingang.
Bereits nach fünf Jahren ist die erste Abteilung des Friedhofes mit Gräbern belegt und der am 22. November 1851 eröffneten II. Abteilung folgen in den nächsten Jahren im Durchschnitt aller vier Jahre neue Abteilungen, bis schließlich im Jahre 1883 am 28. Juli mit der IX. Abteilung der Friedhof flächenmäßig nun die größtmögliche Ausdehnung erfahren hat.

Da eine Perspektive des Johannisfriedhofes auszuschließen war, wird der Neue Friedhof sehr schnell der große Begräbnisplatz des Leipziger Bildungsbürgertums. Am Ende des 19. Jahrhunderts hat dieser Friedhof 1054 Erbbegräbnisse mit den zahllosen Toten der großen Leipziger Familien. Zum Leidwesen der Leipziger Bürger war es unmöglich, allen Interessenten ein standesgemäßes Erbbegräbnis oder auch nur ein Rabattengrab bereitzustellen und so sind letztlich zahllose prominenteste Leipziger in einem schlichten Reihengrab begraben worden.

Erst kurz vor der endgültigen Schließung des Johannesfriedhofes beauftragt der Rat den bedeutenden Stadtbaurat Hugo Licht mit der Planung einer würdigen Friedhofskapelle. Nach dem Vorbild der Kirche Santa Fosca auf der venezianischen Insel Torcello errichtet Hugo Licht in den Jahren 1881/1882 diese prächtige Friedhofskapelle im Stil der italienischen Renaissance. Ebenso beseitigt Hugo Licht die im Jahre 1848 durch Geutebrück aufgeführten bescheidenen Baulichkeiten und errichtet stattdessen an gleicher Stelle zwei architektonisch durchaus repräsentative Wohnhäuser für den Inspektor des Friedhofes, für die Familie des Pförtners sowie für die Verwaltung des Friedhofes.
Wiederum die Unmöglichkeit der flächenmäßigen Erweiterung dieses neuen Friedhofes, der erst nach der Schließung des Johannisfriedhofes als der „Neue Johannisfriedhof" in die Geschichte eingehen wird, führt im Jahre 1886 zur Weihe des auf Probstheidaer Flur gelegenen Südfriedhofes.
Seinen Zenit erreicht der Neue Johannisfriedhof  um das Jahr 1900 - die Repräsentationsbestrebungen des Leipziger Bürgertums  begründeten auf diesem Neuen Johannisfriedhof eine Ansammlung an Grabmalkunstwerken, wie sie in dieser Quantität und Qualität sich später selbst auf dem Südfriedhof so nicht mehr ausbilden konnte.

Grab Peter Dybwad  Foto: Archiv A.E.O.Paul; Repro: Christoph Sandig
Grab Peter Dybwad Foto: Archiv A.E.O.Paul; Repro: Christoph Sandig

Im Oktober 1950 wird dieser große Friedhof der Leipziger durch Ortsgesetz für künftige Bestattungen für immer geschlossen - der eben erstandenen sozialistischen Republik fehlte jede Bereitschaft, diese zahllosen bedeutenden Grabstätten der Kommerzienräte, Geheimräte, berühmten Professoren der Universität, namhafter Architekten, Künstler und verdienstvoller Stifter für die Nachwelt zu erhalten. Die Leistungen dieser bürgerlichen Eliten versanken in die Bedeutungslosigkeit, die herrliche Friedhofskapelle wurde dem Erdboden gleichgemacht und nach Ablauf der 15jährigen Totenruhe begann man die systematische Zerstörung dieses kultur- und kunstgeschichtlich einmaligen Friedhofes und seine Umwandlung in einen Freizeitpark. Inmitten dieses Parkes entsteht ein gewaltiger Hügel  durch die Auftürmung tausender und abertausender Grabsteine und die Verantwortlichen dieser barbarischen Kulturzerstörung empfehlen dem Volk die künftige Nutzung dieses Sepulcrum Lipsiensis als Rodelberg. Bürgerliche Proteste bewirkten die Verbringung zumindest von 120 historisch wertvoller Grabmäler zum Alten Johannisfriedhof - schon der unsachgemäße Transport beschädigte nahezu jedes Grabmal erheblich und nach über zwei Jahrzehnten unbeaufsichtigter Lagerung waren mehr als die Hälfte unwiederbringlich zerstört oder gestohlen. Die lediglich 58 heute noch vorhandenen Grabmäler stehen jetzt im Lapidarium des Alten Johannisfriedhofes und selbst diese sind gezeichnet von Vandalismus und Diebstahl. Nahezu jedes bronzene Portraitmedaillon ist ihnen geraubt und so sind diese auf uns überkommenen Fragmente ein äußerst trauriges Zeugnis, aber gleichzeitig auch eine beeindruckende Anklage der Leipziger Kulturzerstörungen in den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts.

Die einstigen Bildzeugnisse dieses großen Friedhofes sind beseitigt und die Archivalien waren für die Historiker ohne Interesse. Und so ist die Erinnerung an diesen Ort der Toten nahezu vollständig verblasst und kein einziges Wort oder Zeichen erinnert den Besucher des heutigen Friedensparkes noch an diesen Gottesacker. Lediglich das von Hugo Licht geschaffene Eingansportal erinnert mit seinen in Stein gehauenen Palmwedeln und dem Kreuz an die über 140.000 Tote, die noch immer und wohl für alle Zeiten hier in ihren Grüften und Gräbern ruhen.

Nach vieljähriger Forschungsarbeit bereitet der Autor eine umfassende Publikation  zum Neuen Johannisfriedhof, seiner Entstehung und seiner Zerstörung vor.