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Astrid Koopmann/ Bernhard Meier
Kennst du Erich Kästner?

Ist das dort nicht Kästner, Erich Kästner? Ich habe gehört, er war gerade auf großer Reise - Dresden, Leipzig, Berlin, München oder so. Soll ich dich mit ihm bekannt machen? Kästner mal ganz privat! Er hat immer eine Menge spannender Geschichten auf Lager.

Herbert Belter 1929 - 1951

Herbert Belter 1929 - 1951

Prof. Dr. habil. Gerald Wiemers

Herbert Belter Foto: Prof. Dr. Werner Gumpel
Herbert Belter Foto: Prof. Dr. Werner Gumpel

Unmittelbar nach der Verhaftung von Wolfgang Natonek durch ein sowjetisches Militärkommando wurde die liberale Hochschulgruppe an der Universität Leipzig verboten. Der Studentenrat,  kommunistisch unterwandert, spielt bald  keine Rolle mehr. Die FDJ wird flächendeckend eingeführt und zunehmend  monopolartig , zentralistisch geleitet, zum „Sprecher" der Studentenschaft. Die offene Auseinandersetzung zwischen christlichen und liberalen Anschauungen einerseits und kommunistischen auf der anderen Seite sind nicht mehr möglich.

In dieser Zeit versucht Herbert Belter, der an der Vorstudienanstalt in Rostock im Juli 1949 sein Abitur bestanden hat, Volkswirtschaft und Gesellschaftswissenschaften an der neu gegründeten GeWifa (Gesellschaftswissenschaftlichen Fakultät) der Universität Leipzig zu studieren. Die äußeren  Bedingungen sind nach wie vor hart.

Der ideologische  Druck wächst im gleichen Maße , wie hervorragende akademische Lehrer den Staat der Arbeiter und Bauern verlassen. Ich nenne  nur die Juristen Arthur Nikisch, Hans-Otto de Boor und Werner Weber, die sich im Nationalsozialismus verweigert haben und nun erneut auf der falschen Seite stehen. Viele, zu viele sind den Weg in den Westen vertrieben worden , so die  Philosophen Hans-Georg Gadamer und Theodor Litt oder die Historiker Johannes Kühn und Otto Vossler. Die Lücken sind nicht mehr zu schließen.

Stalin und Walter Ulbricht, rechts Foto: Wikipedia gemeinfrei
Stalin und Walter Ulbricht, rechts Foto: Wikipedia gemeinfrei

Die Nachwehen der Verhaftungswelle von 1948 wird der junge Belter noch erlebt haben. Den stalinistischen Druck auf alle Bereiche des Lebens nimmt er wahr und anfangs versucht er sich der sogenannten gesellschaftlichen Arbeit zu entziehen. Mit dem Verlangen nach Informationen über die Bedingungen in den Westzonen, über die tatsächlichen Verhältnisse in der SBZ bzw. DDR entsteht auch bald das Verlangen, eigene Berichte über die Ereignisse an der Universität Leipzig zu liefern und die Kommilitonen aufzuklären. Besonders die Verbindungen zum Ostbüro der SPD werden intensiviert. Broschüren über das wahre Gesicht der kommunistischen Diktatur werden eingeführt und verbreitet.  Das Interesse ist groß , in kurzer Zeit hat Belter einen Kreis von Gleichgesinnten um sich versammelt, die gemeinsam über Zeitereignisse diskutieren .[ Zu seinen Freunden zählen Helmut du Mênil, Werner Gumpel und Siegfried Jenkner. ]

Gemeinsam mit seinem Freund du Mênil entscheidet sich Belter, offensiv gegen die kommunistische Propaganda vorzugehen. Anlaß sind die ersten Volkskammerwahlen vom Oktober 1950, die, entgegen der Verfassung der DDR als „Blockwahlen" mit einer Einheitsliste abgehalten werden. Gemeinsam verteilen sie Flugblätter in der Innenstadt von Leipzig. Auf dem Rückweg geraten sie in eine Routinekontrolle der Polizei. Während du Mênil, der in Leipzig gemeldet ist, frei davonkommt, wird Belter verdächtig und auf die Wache mitgenommen.  Am nächsten Morgen wird seine Wohnung durchsucht.  Dort findet man weitere Flugblätter und Schriften, die für seine sofortige Verhaftung - auch die seiner Kommilitonen - ausreichen.

Von der deutschen Polizei werden 10 Studenten und ein Handwerker verhaftet, verhört und schließlich an den russischen Geheimdienst ausgeliefert, übrigens gegen den Artikel 10, Absatz 1, der geltenden Verfassung der DDR. Unter dem Stalinschen Terrorsystem war den  Russen die Beute willkommen, ja es gab sogar Planlisten für  zu verhaftende Reaktionäre in den Zeiten des sich „verschärfenden Klassenkampfes". Nach ihrer Festnahme und zahllosen Verhören machen die  Russen den jungen Männern einen  kurzen Prozeß . Am 20.Januar 1951, nach nur zwei Verhandlungstagen, werden in der Bautzner Straße in Dresden, dem KGB-Sitz,  gnadenlose Urteile gefällt. Herbert Belter wird als Rädelsführer zum Tode verurteilt und die anderen erhalten zwischen 50 , 25 und 10 Jahren Zwangsarbeit zudiktiert. „Keiner von uns", schreibt  Peter Eberle, einst Vorsitzender der CDU-Fakultätsgruppe Zahnmedizin und selbst zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt, „konnte und wollte die Schwere des Urteils  überhaupt geistig erfassen. Alle waren wir überzeugt: Unsere Haftstrafen werden wir niemals absitzen. Vor allem aber, Herbert Belter wird begnadigt. Wie bitter haben wir uns getäuscht... In Brest-Litowsk sahen wir Herbert Belter zum letzten Mal, wo er mit verbundenen Augen, getrennt von uns, abgeführt wurde."

Die übrigen  Studenten  wurde  in das berüchtigte Straflager Workuta verschleppt. Erst 1953 bzw. 1955 kamen sie frei. 

Aus den für ihre Zwecke geschönten Protokollen der russischen Vernehmer gehen dennoch die Motive ihres Handelns klar hervor. „Ich habe mich illegal betätigt , weil ich unzufrieden mit der Situation an der Leipziger Universität war, sagt Belter vor dem sowjetischen Militärtibunal (SMT),  "Wir hatten keine Gewissensfreiheit und keine Pressefreiheit." 

Offen bleibt die Frage, woran diese Gerichtspraxis geschult ist und wie sie verglichen  werden kann.

Unmittelbar nach dem  Urteil wird Herbert Belter von den anderen abgesondert und wahrscheinlich mit der Eisenbahn nach Moskau gebracht. Dort wird er am 28.April 1951 heimlich erschossen. Niemand erfährt etwas von seinem Schicksal. Seine Eltern sterben darüber hinweg. Erst als sich  die russischen Archive 1990 für einige Zeit öffnen und auf Antrag eine Rehabilitierung erfolgt, wird sein früher, unnatürlicher Tod bekannt.

Belters letzte Ruhestätte befindet sich auf dem Friedhof für Schwerverbrecher in Moskau-Donskoj, in einem Massengrab zusammen mit der Asche der Hingerichteten aus dem Jahre 1951.

Die Universität Leipzig widmete seinem Andenken 1996 eine Ausstellung, 2000 wird nach  Herbert Belter in Leipzig eine Straße benannt - zum ersten Mal wird in dieser Form ein Mann des studentischen  Widerstandes gegen das SED-Unrechtsregimes gewürdigt.  2001 fand im Universitätsarchiv eine Gedenkveranstaltung zu seinem 50.Todestag statt. 

In letzten Jahr wäre Herbert Belter 80 Jahre alt geworden. Die Universität Leipzig hat in Verbindung mit der Konrad- Adenauer-Stiftung 2009,  am 19.Mai, den sogenannten Belter-Tag begründet, der in jedem Jahr an politisch verfolgte Studentinnen und Studenten erinnern wird.          

Der Bertuch-Verlag dankt Herrn Prof. Dr. Dr.h.c. Werner Gumpel für die Möglichkeit, das Bild von Herbert Belter in diesem Artikel zu nutzen.