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Der Roman lässt den Leser eine distanzierte Begegnung der Maler Turner und Friedrich erleben und führt ihn in die Welt ihrer Bilder, ihrer Motive und ihrer Zeit.

Zu bestellen: http://bertuch-verlag.de/62-0-Um-ewig-einst-zu-leben.html

Um ewig einst zu leben

Um ewig einst zu leben

Christoph Werner

Um ewig einst zu leben. Caspar David Friedrich und Joseph Mallord William Turner

                                                       Kapitel 4

 

"Der Chausseur im Wald" Foto:Wikimedia
"Der Chausseur im Wald" Foto:Wikimedia

Das Zimmer war eine der Natur seines Besitzers entsprechende gemütliche Studierstube. An den Wänden standen bis an die niedrige Decke reichende Bücherregale aus glatt gehobeltem und nachgedunkeltem Holz. Eine Art großer Refektoriumstisch stand unter den kleinen Fenstern, deren Höhlungen die Dicke der alten Mauern offenbarten. Jetzt, bei der strahlenden Maisonne kurz nach Mittag, war das Zimmer warm und leidlich hell. In der Ecke neben der Tür stand ein großer eiserner Ofen mit einem unteren Teil aus Kacheln, der sich vom Flur aus heizen ließ. ...

Gottliebs Gast stand mittlerweile vor dem rechts neben der Tür in gutem Licht hängenden Ölgemälde „Der Chausseur im Wald" und betrachtete es nachdenklich.

Der Pfarrer trat zu ihm und blickte ebenfalls auf das Bild.

„Schauen Sie etwa kritisch, lieber Freund?" fragte er. „Sie haben doch mit Ihren Mitteln, ohne Ihrer malerischen Eigenart untreu zu werden, Ihre vaterländische Gesinnung bekundet. Und da war kaum ein Besucher der seinerzeitigen Kunstausstellung, der davon nicht berührt wurde."  „Ja", erwiderte Friedrich, „das Bild ist ein Gleichnis auf den Untergang der Armee Napoleons in Russland."
Lebhaft übernahm Gottlieb wieder das Wort.
„Den Schritt verhaltend, lauscht der versprengte französische Soldat in die Waldesstille, und der Beschauer vermag die Furcht nachzuempfinden, die ihn in der ausweglosen Einsamkeit bei hereinbrechender Nacht beschleicht. Und Sie haben, lieber Friedrich, unabhängig von diesem patriotischen Gehalt mit den einfarbigen bräunlichen Tönen einen spezifischen Zustand winterlicher Natur erfasst. Und wie die Rückenfigur der im Vergleich zu dem ungeheuren Wald kleinen Gestalt des Soldaten dem Beschauer die Landschaft erst recht erschließt."

Friedrich war, trotz seines verschlossenen Wesens, wie alle Künstler sehr empfänglich für Lob, besonders, wenn es so sachkundig und seinen Absichten beim Malen des Bildes so entsprechend geäußert wurde.

Gottlieb hatte sich in Begeisterung geredet.
„Und der französische Chasseur ist nicht nur eine verlorene Gestalt und sieht als Teil der Armee des Usurpators seinem verdienten Schicksal entgegen. Er ist auch ein Mensch - und in diesem Sinne kommt er mir gar nicht klein vor - der Mitgefühl erregt und auch Achtung erzeugt als Ergebnis einsam-stolzer Selbstbehauptung. Er sieht seinem Schicksal gefasst entgegen, und seinen Degen hat er noch an der Seite, um sich in der Not verteidigen zu können. Dabei erwartet ihn, wie der Totenvogel auf dem Baumstumpf im Vordergrund andeutet, der sichere Untergang. Angesichts dieser Hoffnungslosigkeit in sinnender und stolzer Haltung zu verharren ist achtenswert."

Der Pfarrer hielt inne und löste seinen Blick langsam vom Bild. Sie standen schweigend nebeneinander. Dann sagte Friedrich:

Caspar David Friedrich "Die Lebensstufen". Foto: Wikimedia Commons
Caspar David Friedrich "Die Lebensstufen". Foto: Wikimedia Commons

„So wie ich mir als Maler einen äußersten individuellen Ausdruck gestatte und darin erst das Wesen der Kunst, das subjektiv ist, erfüllt sehe, muss ich dem Beschauer meiner Bilder erlauben, sie nach seinem Gusto zu empfinden. Und so kann denn ein unpolitischer Mensch dieses Bild auch als Landschaft betrachten, in der sich ein Soldat befindet, der sich von seinem Lager zu einem Spaziergang in den Winterwald aufgemacht hat und bald wieder zu seinen Kameraden, den Rabenvogel von seinem Baumstumpf vertreibend, zurückkehren und mit ihnen gemeinsam nach geordnetem Rückzug die Heimat erreichen wird."
Gottlieb pflichtete dem Maler bei, indem er auf das Wesen der Kunst weiter einging.

„Daraus ergibt sich, dass die Wege, die zur Kunst führen, unendlich verschieden sind, und das wussten sehr wohl jene achtenswerten Meister, die die anmaßenden Kunstrichter für alle Zeiten als Vorbilder hinstellen, denen bedenkenlos zu folgen ist."
In diesem Augenblick öffnete sich die Tür und Frau Gottlieb brachte eine dampfende Kanne Kaffee, zwei Tassen und einen Teller mit Leipziger Lerchen herein. Gottlieb ließ sich gern unterbrechen, denn er aß das mit Marzipan gefüllte Gebäck gern, welches er in seiner Zeit als studiosus theologiae in Leipzig kennen gelernt hatte.
Aus Mehl, Zucker, Butter, Eiern und etwas Milch wird ein Mürbeteig geknetet, der möglichst über Nacht im kühlen Keller ruhen soll. Für die Marzipanfüllung hatte Frau Gottlieb geriebene Mandeln und gepulverten Zucker in einem Topf langsam erwärmt. Unter ständigem Rühren hatte sie einen Schuss Rum und eine Messerspitze Zimt hinzugefügt.
Unterdessen hatte Ilse, das Dienstmädchen, den Mürbeteig ungefähr einen halben Zoll dick ausgerollt, rund ausgestochen und in kleine Förmchen gedrückt, die nur etwa zur Hälfte gefüllt sein durften. Nun hatte Frau Gottlieb die Marzipanmasse auf den Mürbeteig aufgebracht. Obenauf kamen zwei kleine gekreuzte Mürbeteigstreifen. Dann wurden die Lerchen gebacken, bis sie goldgelb waren. Frisch schmecken sie am besten, meinte Pfarrer Gottlieb, als er und sein Gast sich bedient hatten. Man brauchte viel heißen Kaffee dazu, weil die Lerchen trocken und süß waren. So zieht, sagte Gottlieb, eine Gottesgabe die andere nach sich und macht die Welt erträglicher. 
Frau Gottlieb, die bereits wieder auf dem Weg zur Tür war, drehte sich zu ihrem Mann um und sagte: „In diesen beiden Gottesgaben, wie auch in das Mittagessen heute, für das Du Gott gedankt hast, habe ich eine ganze Menge Arbeit und Zeit gesteckt und Ilse auch. Darf ich einen Teil des Dankes für uns abzweigen?"

Der Pfarrer wurde wahrhaftig etwas rot im Gesicht, ging auf seine Frau zu, umarmte sie, gab ihr einen Kuss auf die Stirn und sagte: „Du weißt, meine Liebe, wie sehr ich den Anteil schätze, den Du an meiner Tätigkeit hast. Wenn Du mir nicht die Arbeit in Haus und Garten sowie die Erziehung der Kinder weitgehend abnähmest, ich wüsste gar nicht, wie ich mein Amt ordentlich führen sollte." 
Nun war es an Frau Gottlieb zu erröten. Sie drückte ihrem Mann einen Kuss auf die Wange und verließ das Zimmer. Sie dachte, wie sie ihren Mann immer noch, nach so vielen Jahren gemeinsamen Lebens, liebte und sie in Augenblicken wie diesem das Gefühl hatte, als bräche etwas in ihr mit einer warmen und doch schmerzlichen Sehnsucht auf.

Selbstporträt Caspar David Friedrichs Foto: Wikimedia
Selbstporträt Caspar David Friedrichs Foto: Wikimedia

Friedrich hatte diese kleine Szene aufmerksam beobachtet. Soviel energische Einsprache hatte er von Frau Gottlieb gar nicht erwartet. So also ist das, wenn man verheiratet ist, dachte er. Da muss man offensichtlich auf einiges achten. Wenn man sie einmal geheiratet hat, sind die Frauen doch nicht bloß Hausbesorgerinnen und Bettschätze. Sie wollen auch noch anders wahrgenommen werden. Er nahm sich vor, dieses kleine Erlebnis nicht zu vergessen und, wenn die Zeit gekommen wäre, seinen Nutzen daraus zu ziehen.  
Sein Gastgeber wandte sich dem Gebäck und dem Kaffee zu und forderte seinen Gast auf zuzugreifen. Dieser, der eigentlich ein karges Leben als eine dem Menschen und Künstler angemessene Daseinsform betrachtete und selbst ein solches führte, griff dessen ungeachtet zu und aß und trank mit Genuss. Er leerte seine Tasse und sagte:  „Wahrlich, der Kammerherr von Ramdohr hätte geschwiegen, wenn ich bei meinem ‚Kreuz im Gebirge mit der untergehenden Sonne' den Mustern der berühmten Künstler der Vorzeit ohne Abweichung gefolgt wäre. Und auch hier, beim ‚Chasseur', sage ich, wenn ein Bild auf den Beschauer seelenvoll wirkt, wenn es sein Gemüt bewegt und schwingen lässt, so hat es die erste Forderung eines Kunstwerkes erfüllt, und wär' es auch noch so schlecht in Zeichnung, Farbe, Art und Weise der Malerei. Wenn dagegen ein Bild den gefühlvollen Beschauer ohne Rührung und kalten Herzens lässt, und wäre es auch übrigens noch so musterhaft in Form und Farbe, so kann es keinen Anspruch auf den Namen eines wahrhaftigen Kunstwerks machen, wohl aber auf den einer schönen Künstelei."  „Das ist sehr in extremis ausgedrückt", erwiderte Gottlieb, „denn eine Voraussetzung dafür, den Beschauer in die beschriebene Rührung zu bringen, ist doch wohl die tunlichst vollendete malerische Ausführung. Man sieht es übrigens an Ihrem Bild, lieber Friedrich. Und so behaupte ich denn, dass dasjenige, was der Künstler auszudrücken beabsichtigt, mit der Art und Weise, wie er es ausdrückt, in möglichster Harmonie stehen soll. In diesem Bild übrigens offenbart sich diese Harmonie in der vollendet gelungenen Aura des verlorenen Traumes. 
Und wäre nun Ihr ‚Chasseur' schlecht in Zeichnung, Farbe, Art und Weise der Malerei', wie Sie vorhin gesagt haben, würde das Bild kaum die Rührung hervorrufen, die Sie beabsichtigen."  Friedrich wollte etwas erwidern, schwieg dann aber, weil er fühlte, dass der Pfarrer einerseits gute Gründe vorbrachte und andererseits es ihm, Friedrich, nicht ganz gelungen war, mit seinen Worten das auszudrücken, was er im tiefsten Herzen über die Eigenart der Kunst fühlte. Und so wollte er es jetzt dabei belassen, denn oft ging das Wesentliche, wenn man es in Worte zu fassen versuchte, verloren. Außerdem ist nicht nur die Kunst keines Herren Diener, sondern auch das Gespräch darüber ist offen, und jedermann kann seine unterschiedlichen Auffassungen äußern.

Nachdem sie noch eine Weile beieinander gesessen hatten, erhob sich Friedrich, um sich auf den Heimweg nach Dresden zu machen. Die Turmuhr von St. Afra schlug gerade vier Uhr, als Pfarrer Gottlieb seinen Gast vor der Haustür verabschiedete und ihm einen sicheren Heimweg wünschte. Diesmal würde er mit der 5-Uhr-Post zurückfahren.

Alle Bilder, die gemeinfrei sind, aus Wikipedia.

 

Werner, Christoph. 2006. Um ewig einst zu leben. Caspar David Friedrich und Joseph Mallord William Turner. Roman. Weimar: Bertuch-Verlag. ISBN 3-937601-34-1